Yggdrasil ist das große Ordnungsbild der nordischen Mythologie: ein Weltenbaum, dessen Äste und Wurzeln Götter, Menschen, Riesen und Tote miteinander verbinden. Das vertraute Bild von genau neun sauber angeordneten Welten ist allerdings vor allem eine moderne Zusammenfassung verschiedener mittelalterlicher Überlieferungen.
Ein Baum, der den Kosmos zusammenhält
In den altnordischen Texten reicht Yggdrasil durch den gesamten Kosmos. Meist wird er als Esche bezeichnet, doch die Überlieferung ist nicht in jedem Detail einheitlich. An seinen Wurzeln liegen Quellen und Bereiche, die mit Wissen, Schicksal und Tod verbunden sind. Götter versammeln sich am Baum, während Kräfte des Verfalls ständig an ihm nagen.
Gerade dieser Gegensatz macht Yggdrasil so stark: Der Baum steht für Ordnung und Dauer, ist aber niemals unverwundbar. Er verbindet die Welt und zeigt zugleich, dass selbst die Ordnung der Götter bedroht bleibt.
Die neun Welten
Häufig genannt werden Asgard als Bereich der Asen, Midgard als Welt der Menschen, Jötunheim als Land der Riesen sowie Vanaheim, Alfheim, Svartalfheim oder Nidavellir, Muspelheim, Niflheim und Hel. Die Quellen liefern jedoch keine einheitliche Landkarte. Namen und Zuordnungen unterscheiden sich, und manche Bereiche überschneiden sich.
Darum sollte man Darstellungen mit neun klar abgegrenzten Ebenen als hilfreiches Modell verstehen – nicht als exakten Plan, den Menschen der Wikingerzeit so gekannt hätten.
Norne, Tiere und Ragnarök
An Yggdrasil sind zahlreiche Gestalten gebunden. Die Nornen Urd, Verdandi und Skuld stehen mit Schicksal und Zeit in Verbindung. Nidhögg nagt an einer Wurzel, Ratatöskr läuft am Stamm entlang, und in der Krone sitzt ein Adler. Diese Bilder erzählen von Spannungen zwischen Oben und Unten, Leben und Zerstörung.
Beim Ragnarök wird die Welt erschüttert, doch die Überlieferung kennt auch Erneuerung. Yggdrasil ist deshalb nicht bloß ein Baum, sondern ein Bild für einen Kosmos, der Krisen übersteht und sich wandelt.
Was wir wirklich wissen
Die wichtigsten schriftlichen Fassungen wurden erst im christlichen Mittelalter in Island niedergeschrieben, vor allem in der Lieder-Edda und der Prosa-Edda. Sie bewahren ältere Stoffe, spiegeln aber zugleich die Zeit ihrer Niederschrift. Archäologische Bildsteine und Anhänger liefern zusätzliche Hinweise, erklären die Mythen jedoch nicht vollständig. Zwischen Religion der Wikingerzeit und späterer Literatur bleibt deshalb immer Raum für Unsicherheit.
Mehr Hintergrund bietet der Beitrag Die Wikingerzeit: Was diese Epoche wirklich ausmachte.
